Online-Beratung – wie funktioniert das?

Vielleicht haben Sie sich auch schon die Frage gestellt, ob eine psychologische Begleitung über Distanz genauso wirksam sein kann wie die klassische Form der Beratung, wo man einander gegenübersitzt und sich beim Gespräch auch anschauen kann. Ich möchte Ihnen kurz darstellen, welche Arten von psychologischer Beratung es gibt und was deren Besonderheiten sind. Daraus ergeben sich dann die Vor- und Nachteile gegenüber der persönlichen Beratung.

Standardisierte Programme oder individuelle Beratung

Standardisierte Programme im Internet gibt es sowohl ohne direkte Begleitung eines Psychologen als auch mit zusätzlicher Kontaktmöglichkeit. Der oder die Hilfesuchende wird Schritt für Schritt durch ein Programm geführt, das auf das jeweilige Störungsbild ausgerichtet ist. Er bearbeitet die vorgegebenen Inhalte und Übungen selbständig. Solche Programme gibt es für Essstörungen, PTSD, Depression und andere Probleme. Sie sind in ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich bestätigt. Wenn Sie sich jedoch nicht einem bestimmten Störungsbild zuordnen können oder wenn Sie es bevorzugen, eine speziell auf Sie zugeschnittene Beratung zu bekommen, sind Sie mit einer individuellen Beratung höchstwahrscheinlich zufriedener.  Hier kann im Dialog mit der Therapeutin herausgearbeitet werden, worum es Ihnen geht und in welche Richtung Sie vorankommen möchten. Der Rest entwickelt sich in der gemeinsamen Arbeit.

Beratung mittels Telefon

Das Telefon wird seit länger Zeit als Mittel für psychologische Beratung genützt. Seit 1956 gibt es die Telefonseelsorge im deutschsprachigen Raum. Eine Studie von 2012 zeigt, dass telefonvermittelte Therapie bei Depression gleich gute Ergebnisse zeigt wie Verhaltenstherapie.

In meiner Praxis wird das Telefon am häufigsten dann genützt, wenn jemand krankheitshalber oder aufgrund einer Angststörung nicht in die Praxis kommen kann oder wenn die räumliche Entfernung zu groß ist. Viele Anliegen von Coaching-Themen bis zu persönlichen Problemen können auf diese Weise erfolgreich bearbeitet werden.

Videogestützte Beratung

Seit der Erfindung der Videotelefonie gibt es die Möglichkeit, den Gesprächspartner auch zu sehen. Ich selbst finde die Unterstützung des Gesprächs durch ein Video nicht sehr hilfreich, da die Qualität des Bildes meist mäßig ist und man feine Nuancen der Mimik ohnehin nicht ausreichend wahrnehmen kann. Zudem kann man sich nicht wirklich in die Augen schauen, der Blick in die Kamera kann das Gefühl, jemandem direkt in die Augen zu schauen, nicht ersetzen.

Beratung per Email oder Chat

Beim Chat erfolgt der schriftliche Kontakt während KlientIn und TherapeutIn gleichzeitig online sind. Dafür muss im Vorfeld ein Termin vereinbart werden. Der Vorteil besteht darin, dass unmittelbar eine Antwort erfolgt, auf die wiederum eingegangen werden kann.

Bei der zweiten Variante schreiben beide zu unterschiedlichen Zeitpunkten, daraus ergibt sich eine Art Briefverkehr. Dies verschafft mehr Zeit, um über eine Antwort nachzudenken bzw. nachzufühlen. Bei beiden Varianten werden die Inhalte gespeichert und können immer wieder durchgelesen und dadurch vertieft werden.

Vor- und Nachteile der Distanz

Der größte Unterschied zu einer herkömmlichen Beratung ist der, dass die Körpersprache als Kommunikationsinstrument wegfällt. Bei schriftlichen Formen geht zudem auch die Sprachmelodie verloren. Aussagen sind dadurch schwieriger zu deuten und Gefühle weniger leicht zu erkennen. Es zeigt sich aber, dass das nicht unbedingt ein Nachteil sein muss, da durch genaueres Nachfragen Dinge bewusstgemacht werden, die sonst vielleicht im Redefluss untergegangen wären.

Wie ist es nun mit dem Augenkontakt, ist er für den Beziehungsaufbau nicht enorm wichtig? Überraschenderweise zeigt eine Studie der Universität Potsdam, dass das Fehlen des Blickkontaktes von zahlreichen Versuchsteilnehmenden als sehr positiv erlebt wurde. Das könnte daran liegen, dass es manchen Menschen in seelischer Not leichter fällt, ihr persönliches Problem einem Medium anzuvertrauen, das kein Gesicht hat, keine Augenbraue hebt oder die Mundwinkel fallen lässt. Dadurch kann die Person ganz bei sich sein, ohne von möglichen Bewertungen eines Beobachters abgelenkt zu sein. Sie kommt schneller zu ihrem Thema und kann offener von sich erzählen.

Es gibt aber auch Menschen, die eine intensivere Beziehung brauchen, um Vertrauen aufzubauen und sich gehalten zu fühlen. Für sie ist eine unmittelbare persönliche Begleitung unumgänglich.

Zeitliche Flexibilität

Bei der Email-Beratung bestimmt der Schreibende selbst zu welcher Tageszeit er sich vor den PC setzt und wieviel Zeit er sich nehmen kann oder will. Es ist kein 50-Minuten-Takt vorgegeben und Pausen sind jederzeit möglich. Antworten müssen nicht sofort gegeben werden, sondern können abgewogen, auf ihre Stimmigkeit überprüft und wieder umgeschrieben werden. Diese Entschleunigung vertieft die Auseinandersetzung mit sich selbst.

Wirkung des Schreibens

Für viele Menschen ist Schreiben an sich schon ein heilsamer Prozess. Es fördert das Nachdenken über sich selbst, ohne in Gedankenschleifen hängenzubleiben. Wenn man das Geschriebene liest, versetzt man sich selbst in eine Beobachterposition und bleibt dadurch nicht so leicht in belastenden Gefühlen stecken. Wenn man an jemand anderen schreibt kommt noch dazu, dass man sich besonders bemüht, seine Gefühle in passende Worte zu kleiden, um verstanden zu werden. Dabei kann man Gefühle in sich entdecken, derer man sich gar nicht bewusst war. Es hilft auch, Gedanken und Gefühle zu ordnen, um mehr Klarheit über sich zu gewinnen.

Voraussetzung dafür ist, dass Sie es mögen zu schreiben und sich die nötige Zeit dafür nehmen.

Anlässe für eine Online-Beratung

Auslöser für die Kontaktaufnahme sind häufig Krisensituationen unterschiedlichster Art, hervorgerufen durch eine Veränderung, einen Verlust oder eine Krankheit. Oft ist der Online-Kontakt der Anfang, ein Übergang bis man die nächsten Schritte in Angriff nimmt. Aber auch Unterstützung bei allgemeinen Lebensproblemen ist ein häufiges Thema, sowie Ängste, Selbstwertprobleme oder der Wunsch nach Orientierung und Sinnsuche.

Online-Beratung kann keine Hilfe bei schweren akuten Krisen und Suizidgefährdung bieten (auf meiner Webseite finden Sie Adressen für Krise und Notfall) und ist unzureichend bei schweren krankheitswertigen Störungen und Substanzabhängigkeit. Sie zielt nicht auf eine tiefe Veränderung der Persönlichkeit ab, sondern auf konkrete Zielsetzungen. Sie hilft, sich über die eigenen Möglichkeiten klarer zu werden und geeignete Schritte zur Umsetzung zu finden.

Fazit

Online-Beratung kann den persönlichen Kontakt einer klassischen Psychotherapie nicht ersetzen, sie kann aber in vielen Fällen eine sehr effektive Hilfe für Menschen bieten, die sich darauf einlassen möchten. Wenn Sie ein Anliegen haben, aber nicht sicher sind, welches Angebot für Sie das Richtige ist, probieren Sie es einfach aus!

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