Der tiefere Sinn von Angst und Co

Fragen Sie sich manchmal, wieso Sie ein bestimmtes Problem haben, wie z.B. Schlaflosigkeit, niedriges Selbstwertgefühl, Flugangst etc.? Oder fragen Sie sich, warum diese Symptome nicht verschwinden, obwohl Sie schon Ihre Vergangenheit durchforstet haben und die Geschichte verstehen, die zu Ihren Symptomen geführt hat?
Mein Ansatz dazu ist folgender: alle Symptome haben einen Sinn (abgesehen von genetischen oder biologischen Faktoren, wie einer Schilddrüsenunterfunktion). Oft ist es nicht einfach, diesen Sinn zu erschließen, aber es gibt ihn. Wenn wir depressiv sind, soziale Ängste oder andere Beschwerden haben, dann sind wir nicht gestört oder verrückt, sondern wir reagieren unbewusst auf ein zugrundeliegendes Konzept. Dieses Konzept bestimmt die Art und Weise, wie wir die Welt sehen. Es wirkt wie ein Filter, der uns vor allem das wahrnehmen lässt, was zu dem Konzept passt, oder auch wie eine gefärbte Brille, die alles in einem bestimmten Licht erscheinen lässt. Normalerweise sind wir uns dieser Konzepte nicht bewusst, wir bemerken den Unterschied erst, wenn wir die gewohnte Brille abnehmen.
Woher kommen diese Konzepte? Wenn wir etwas erleben, speichert unser Gehirn nicht nur ab, was wo wie genau passiert, und welche Gefühle und Empfindungen wir in diesem Moment haben, sondern auch ein mentales Modell darüber, wie die Welt funktioniert. Dieses Modell oder Konzept lässt uns künftig ähnliche Erfahrungen sofort erkennen und wandelt sie in eine unbewusste Erwartung um.
Solche Konzepte zu erschaffen, ist eine sehr nützliche Eigenschaft unseres Gehirns, sie dient dazu in neuen Situationen schnell und gezielt reagieren zu können. Das schützt uns in potentiell gefährlichen Situationen, weil wir sofort wissen, was zu tun ist und wir keine Zeit durch Nachdenken verlieren, sondern sofort handeln können. Diese Fähigkeit unseres emotionalen Gedächtnisses kann aber auch zum Problem werden, denn sie sorgt dafür, dass die schlimmsten Erfahrungen aus unserer Vergangenheit als gefühlte Wirklichkeit in der Gegenwart und der erwarteten Zukunft weiter bestehen.
Ein Beispiel: Herr K. kommt in die Praxis, weil er sich sehr gehemmt fühlt, sobald er mit mehr als einer Person zusammen ist, egal ob das Fremde oder Bekannte sind. Er kann sich das selbst nicht erklären, weil er ja weiß, dass nichts passieren kann, wenn er sich locker über verschiedene Themen unterhält. Im Lauf der Therapie stellt sich heraus, dass er als Kind von Familienmitgliedern häufig verspottet und erniedrigt wurde. Sein Modell der Welt enthält nun die Erwartung, dass man von anderen beschämt und abgelehnt wird, wenn man seine Meinung vertritt. Obwohl er sich dessen nicht bewusst war, hat er gefühlsmäßig auf diese Erwartung reagiert und sich in Gruppen zurückgehalten und sich blockiert gefühlt. Als er den Zusammenhang erkannte, ergab seine Sozialangst plötzlich einen Sinn für ihn.
Die Angst von Herrn K. in Gruppen war aber nicht nur sinnvoll, sie war sogar absolut notwendig für ihn, weil er ja die innere Erwartung hatte, abgelehnt zu werden – und nur so konnte er sich davor schützen. Die Schlüsselfrage ist also: Welches innere Konzept macht genau dieses Symptom für mich notwendig?
Es ist meist nicht ganz einfach die versteckten inneren Wahrheiten zu erkennen. Eine Psychotherapie ist dafür nicht in jedem Fall notwendig, kann aber sehr hilfreich sein.
Wenn Sie selbst dahinter kommen möchten, welches innere Konzept hinter Ihren Beschwerden liegt, kann Ihnen folgendes Vorgehen helfen:

  • Fragen Sie sich zuerst, was genau das Symptom ist, mit dem Sie sich auseinandersetzen möchten. In welchen Situationen tritt es auf? Was genau ist der Auslöser? Was sind die konkreten Verhaltensweisen (z.B. verstummen), was die körperlichen Anzeichen (z.B. die Kehle fühlt sich eng an, die Atmung wird flacher), welches Gefühl dominiert (z.B. Unsicherheit) und welche Gedanken haben Sie in solchen Situationen (z.B. „für mich interessiert sich ohnehin keiner“).
  • Versetzen Sie sich in eine typische Situation hinein und gehen Sie gedanklich in der Vergangenheit zurück bis Situationen aus Ihrer Erinnerung auftauchen, in denen Sie ähnliche Gefühle, Empfindungen oder Gedanken hatten. Schauen Sie sich diese Erinnerungen genau an. Welches innere Konzept über sich selbst, über andere Menschen oder die Welt hat sich damals in Ihnen gebildet?
  • Wenn keine früheren Situationen ausfindig machen konnten, versuchen Sie etwas anderes: Stellen Sie sich vor, Sie hätten dieses Symptom nicht. Welche Situationen ergäben sich dadurch? Wie würden Sie sich verhalten? Welche Gefühle tauchen auf?
    „Genau das möchte ich ja“ werden Sie denken, aber wenn Sie in der Vorstellung bleiben, kann es auch sein, dass innere Widerstände auftreten oder schmerzliche Gefühle, die Ihnen aufzeigen, warum genau dieses Symptom für Sie notwendig ist.  Vielleicht hilft es Ihnen, etwas Unangenehmes zu vermeiden (z.B. wenn ich nicht diese Selbstzweifel hätte, würde ich mir wie eine unsympathische Angeberin vorkommen), oder es erfüllt ein wichtiges Bedürfnis (z.B. wenn ich nicht Angst hätte das Haus zu verlassen, würde mein Mann sich nicht mehr um mich kümmern).

Sie finden die Antwort nicht durch angestrengtes Nachdenken. Lassen Sie sich vom Gefühl leiten, achten Sie auf die Signale Ihres Körpers und akzeptieren Sie das, was „wie von selbst“ auftaucht. Lassen Sie sich überraschen von Ihrer inneren Weisheit!

In vielen Fällen geht mit dem Erkennen des dahinterliegenden Konzepts bereits eine Änderung einher. Wenn das nicht der Fall ist, ist weitere Arbeit notwendig, um alte Muster aufzulösen und neue zu bilden. In der Psychotherapie haben sich dafür einige Methoden sehr bewährt – ich persönlich finde neben dem einfühlenden Gespräch erlebnisorientierte Methoden wie EMDR, Prozesse aus dem therapeutischen NLP, die Arbeit mit dem inneren Kind, geführte Visualisierungen und körperorientierte Verfahren am wirkungsvollsten.

Ich wünsche Ihnen wertvolle Erkenntnisse und stehe für weitere Fragen gerne zur Verfügung!

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