Mich selbst besser verstehen: Übung

Oft fühlen wir uns unwohl und wissen gar nicht so genau warum. Wir fühlen uns in einer Situation schlecht und finden es völlig unlogisch, weil ja doch alles in Ordnung ist.

Auf der einen Seite sind Gefühle ja tatsächlich unlogisch, weil sie ganz anderen Gesetzen folgen als unser bewusstes Denken – auf der anderen Seite haben Gefühle immer einen Grund. Sie sind Reaktionen auf etwas, das wir wahrgenommen haben, vielleicht ganz unbewusst. Das kann etwas sein, dass wir gehört haben, wie die Worte unseres Gegenübers oder auch die feinen Zwischentöne, die wir aus seinem Tonfall herausgehört haben, oder etwas das wir gesehen haben, wie die Mimik des anderen oder die Art wie er sein Gewicht verlagert etc. Genauso gut könnte es aber auch eine Reaktion auf innere Signale sein, z.B. eine Erinnerung, die in der Situation wachgerufen wurde und die vor unserem inneren Auge abläuft. Oder es sind Gedanken – vielleicht darüber, was der andere Mensch über uns denkt, oder wir vergleichen uns insgeheim mit ihm oder denken daran, was alles passieren oder nicht passieren könnte. Möglicherweise bemerken wir gar nicht, was da alles in uns abläuft, aber unser Körper bemerkt es sehr wohl und reagiert mit feinen Änderungen, vielleicht schlägt das Herz ein wenig schneller, oder Muskeln spannen sich an, oder wir richten uns ein bisschen mehr auf oder sinken zusammen, die Atmung wird flacher…. Und all diese Körperempfindung sind auch wieder mit Gefühlen verbunden, Angst, Freude, Hilflosigkeit usw.

Um sich selbst besser zu verstehen ist es daher notwendig, die Selbst-Wahrnehmung zu schulen: im Moment präsent sein, Gefühle, Körperempfindungen, innere Bilder und Gedanken wahrnehmen. Dazu braucht es die Fähigkeit, sich selbst zu beobachten. Diese ist gar nicht so selbstverständlich, wie man meinen könnte. Wir sind mit unserer Aufmerksamkeit meist ganz woanders als bei uns selbst und deshalb nicht geübt darin, die feinen Änderungen zu bemerken, die ganz von selber in uns ablaufen. Die gute Nachricht: das kann man trainieren, genauso wie einen Muskel, den man durch intensiven Gebrauch stärkt.

Es reicht, wenn Sie mit 5 Minuten täglich beginnen. Wenn das gut geht, können Sie auf 10 Minuten steigern und irgendwann vielleicht sogar ein halbe Stunde dafür aufbringen.

Eine Übung dafür möchte ich Ihnen besonders ans Herz legen, sie ist von Daniel Siegel, Professor für Psychiatrie in Los Angeles:

Das Rad des Gewahrseins

Nehmen sie eine bequeme Postition ein. Aufrechtes Sitzen ist günstig, um wach und konzentriert zu bleiben. Dann konzentrieren Sie sich einfach nur auf Ihre Atmung. Sie können die Atembewegungen beobachten oder auch mitzählen. Wenn Sie bemerken, dass Ihre Aufmerksamkeit nicht mehr auf Ihren Atem gerichtet ist, lenken Sie sie behutsam und freundlich wieder dorthin zurück. Unser Geist ist leicht ablenkbar, es Bedarf einiges an Training, um immer länger konzentriert zu bleiben. Hilfreich kann es sein, den Inhalt der Ablenkung zu benennen, zB „Aha, ein Gedanke“, „ein Bild“, „eine Körperempfindung“ usw. Ihre Atmung hilft Ihnen zentriert zu bleiben..

Während alles Mögliche in Ihrem Bewusstsein auftaucht, bleiben Sie in Ihrer Mitte, so wie die Nabe eines Rades, die selber ruhig und zentriert bleibt, während der äußere Rand, die Felge, in ständiger Bewegung ist. Aus dieser Mitte heraus beobachten Sie wohlwollend, was auftaucht und auch wieder verschwindet.

Wenn das schon sehr gut gelingt, können Sie Ihre Aufmerksamkeit gezielt auf die verschiedenen Inhalte richten – um dann wie gewohnt zur Atmung zurückzukehren. Sie können  zum Beispiel die Gedanken beobachten, die ganz von selber in Ihrem Kopf auftauchen oder die Gefühle, die inneren Bilder oder die Wahrnehmung des Körperinneren. Oder Sie beobachten das, was Ihre 5 Sinne in der Außenwelt wahrnehmen, also was Sie sehen, hören, auf der Haut spüren, riechen und schmecken. Die letzte Stufe ist die Wahrnehmung der Verbundenheit mit anderen Menschen. Alles das nehmen Sie mit freundlichem Interesse und Akzeptanz wahr. Sie bleiben in Ihrer Mitte und atmen.

Ziel der Übung ist es, die gewonnene Fähigkeit auch im Alltag anzuwenden. Sie werden sich selbst klarer und tiefer wahrnehmen, gelassener bleiben und mehr Mitgefühl für sich selbst und in der Folge auch für andere empfinden können.

Ich freue mich über Kommentare! Konnten Sie mit der Übung etwas anfangen? Was war schwierig, was war leicht? Was bewirkt die Übung bei Ihnen?

Literaturtipp: Daniel J. Siegel 2007, Das achtsame Gehirn

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